Archiv für Januar 2014

Wieso kein Fleisch?

Wenn man Veganer wird verändert sich die Perspektive aus der man Fleisch und andere tierische Produkte betrachtet. Menschen, die weiterhin Fleisch essen fällt es oft schwer, diese Perspektive nachzuvollziehen. Am Beispiel von Schweinen versuche ich meine Sicht nachvollziehbar zu machen für die, die es interessiert. Ich verzichte dabei auf grausame Bilder und bin bemüht, sachlich zu bleiben. Die Links im Text führen zu meinen Quellen, nicht zu Schlachtvideos oder ähnlichem.

Unser heutiges Hausschwein wurde aus dem Wildschwein gezüchtet. Das heißt, wir Menschen haben das natürlich vorkommende Wildschwein als gute Nahrungsquelle erkannt und es über Jahrtausende durch Zucht so verändert, dass eine noch bessere Nahrungsquelle für uns darstellt. Ein heutiges Schlachtschwein wird nach weniger als einem Jahr Lebenszeit getötet und verzehrt. 46 Schweine isst ein Deutscher durchschnittlich im Laufe seines Lebens.

Schweine werden gegessen, weil Schnitzel, Salami, Schinken, Filet, Kotelett und Rippchen gut schmecken. Wir sind mit diesen Gerichten groß geworden, sie sind überall erhältlich, gehören zu unserem Alltag, zu unserem Komfort und man isst eben auch gerne gut in geselliger Runde. Dass der Mensch ein Omnivore (Allesfresser) ist, kann man kaum bestreiten. Welcher reine Pflanzenfresser käme auf die Idee, ein Tier anzuknabbern und welcher reine Fleischfresser würde gerne Möhren kauen.

Wie und was gegessen wird, hat seinen Ursprung in der Natur des Menschen, ist mittlerweile Teil der Kultur und was wir essen hängt darüber zuletzt auch mit unserer Identität zusammen. Verständlich also, dass man seine Gewohnheiten nicht infrage stellen und sich schon gar keine Vorwürfe für selbstverständliches Verhalten anhören möchte.

Den Blick auf’s Fleisch zu drehen ist demnach schwer und hat auch bei mir gedauert. Tatsächlich fielen mir erst, als ich bereits vegan war(!) die Schuppen von den Augen.
Die Schwierigkeit liegt darin, die Gewohnheit, die wie Milchglas die Sicht vernebelt, einmal auszublenden. Bilder von Tieren auf dem Bauernhof und im Stall, sogar in diesen kleinen Boxen, in denen die Tiere dort meist leben sind uns von klein auf bekannt. Ich habe als Kind mit einem Bauernhof von Lego Duplo gespielt. Da ist es selbstverständlich, dass das Schwein auf dem Hof lebt, das muss einfach so sein.

Das Schwein ist aber, wie oben beschrieben eben nicht von selbst zum Bauern gekommen und dass es dorthin gehört, hat der Mensch bestimmt, der es nun einmal essen wollte.
Das Schwein gehört genauso auf den Bauernhof wie die Frau in die Küche und der Knecht ins Gesindehaus. Frau und Gesinde haben sich mittlerweile mehr oder weniger erfolgreich gewehrt.
Das Schwein kann aber nicht sprechen. Wie so ein Schwein sich fühlt und was an „Gedanken“ in einem Schweinehirn vor sich geht, kann man nicht nachvollziehen. Fakt ist aber, Schweine sind soziale Wesen, die Bindungen aufbauen können und ein Maß an Intelligenz besitzen, das mit dem von Affen vergleichbar ist.

Mit welchem Recht nehmen wir uns ein anderes fühlendes Wesen, verändern seinen Körper, damit er unseren Zwecken dient, quälen es und töten es noch im Kindesalter?
In der Küche und im Schlachthof herrscht noch das Recht des Stärkeren. Ethik, die ansonsten in verschiedenster Form unseren Alltag begleitet, hat hier nicht so richtig Zugang gefunden. Die Betroffenen konnten sich aber auch wirklich schlecht artikulieren. Weitere Gründe liegen wie oben beschrieben in unserer Vergangenheit.
Im Hier und Jetzt ist das einzige (!) stichhaltige Argument, das ein Mensch (der in einem reichen Industrieland lebt) noch hat, Fleisch zu essen,dass es ihm gut schmeckt.
Und das – mit Verlaub – birgt eine Doppelmoral die nur durch die Milchglasscheibe der Gewohnheit und Einbettung in unsere Kultur den selben Menschen nicht zum Aufschrei über sich selbst bringt.

Jemanden oder etwas zu töten, nur weil es einem gefällt, gilt als abscheulich und als Zeichen schlechten Charakters. Auf Berichte über Hunde- und Katzenquäler wird mit Rufen nach Kastration und schlimmerem reagiert. Hunde und Katzen sind nicht liebevoller, klüger oder bessere Haustiere als Schweine, sie haben in unserer Kultur einfach nur eine andere Rolle.

Um meine Perspektive richtig zu verstehen, hilft es daher, diese Rollen einfach zu vertauschen: Man stelle sich vor, Hunde würden zum Verzehr gezüchtet. Einmal ohne auf die Unterschiede zwischen fiktiver artgerechter Bio-Streichelhaltung und Massentierhaltung einzugehen.

Man nehme also einen Welpen, mäste ihn bis er sein Maximalgewicht erreicht hat, fahre ihn dann zum Schlachthof, schlachte ihn, lasse ihn ausbluten und zerteile ihn in Filets, Rippchen, Koteletts, verwurste ihn, bereite Hundesülze zu und esse schließlich alles mit Genuss. Warum? Na, weil es eben so gut schmeckt. NEIN, das ist absolut NICHTS anderes und nicht im geringsten anders zu bewerten, als das was wir mit sogenannten „Nutz“-Tieren tun.

Zu verstehen, WIRKLICH zu verstehen, wie wir mit Tieren umgehen und was wir ihnen antun ist unheimlich schwer, weil es ein Denken erfordert, das konträr zu den Gedankenmustern ist, mit denen wir aufgewachsen sind und die uns tagtäglich neu bestätigt werden. Alle tun es und es ist ganz normal, auch wichtig und gesund etc…
Wenn man wirklich verstanden hat, was hier geschieht, dann sind Vergleiche mit der Sklaverei, sogar mit Konzentrationslagern überhaupt nicht mehr abwegig und es wird verständlich, warum es Veganern und Vegetariern so schwer fällt, diese Themen sachlich anzugehen.

Das hier unten ist übrigens Esther. Sie ist ein geliebtes Haustier, das fast genauso lebt wie unsere Hunde.

Wer wirklich verstehen will, sollte jetzt einfach mal „Schweinemast“ googlen und die Bilder anschauen und dann versuchen, sich in das Schwein hinter dem Gitter reinzufühlen oder sich vorstellen, man sähe Hunde anstelle von Schweinen. Das bezahlen wir, wenn wir Fleisch essen. Und nein, nicht die Gefühle abschotten und sich sagen „das berührt mich nicht“.
Denn was bitte macht uns Menschen denn so besonders, wenn wir uns nicht erheben, um zu sagen: Ich muss meiner tierischen Natur nicht folgen, ich kann mich in andere hineinfühlen, ich kann denken und auch die Bedürfnisse von Schwächeren in mein Handeln einbeziehen.